Endstationen - Momentaufnahmen an den Wendepunkten der Bremer Straßenbahn


Ein Projekt aus den Jahren 2007 / 2008 der Bremer Fotografengruppe punctum.

Präsentationsform: Ein Künstlerbuch je Fotograf in dem Format 14 x 20 cm, 4c



 

 

Interessant:


Ein Ruck, die Straßenbahn steht, die Türen schwingen zu den Seiten. "Raus mit Dir" scheinen sie mich aufzufordern - "Endstation". Ich gehorche. Wo bin ich? Keine Ahnung. Am Ziel, am Anfang, am Ende, im Nirgendwo, mittendrin, nebenan, dahinter, davor,... normalerweise wäre ich hier nicht hergekommen. Was ist schon normalerweise? Bin ich jetzt unnormalerweise hier? Fotografieren möchte ich an diesem Ort den ich mir sonst nicht ausgesucht hätte. Sehen was passiert, auch mit mir. Etwas zögerlich packe ich die Kamera aus und mache mich dadurch auffällig. Das ist nicht der Ort an dem Touristen mit der Kamera um den Hals Sehenswürdigkeiten knipsen. Auch gibt es kein Spektakel das einen Journalisten anlocken würde, nicht einmal etwas das allgemein hin als besonders hübsch, auffällig oder gar imposant erachtet werden könnte.


Nichts desto trotz bin ich mir sicher durch meine Kamera Dinge und Ansichten zu entdecken. Ich werde mich überraschen lassen ich werde entdecken. Ich streune weg von der Bahn und lasse mich lenken von mir. Nur meine fotografische Sehnsucht, mein fotografischer Blick und das Wetter lenken meine Schritte. Später, wie immer auch ein kleiner Hunger und Durst.


Ich falle auf hier. Bin nicht zielstrebig, wechsle unvermittelt die Richtungen, richte meinen Blick zu den Stromleitungen, blicke hinter eine Mauer, gehe in einen Garten, ... ich erspähe und entdecke Dinge. Manche Motive sträuben sich und es braucht geraume Zeit bis mein richtiger Blickwinkel gefunden ist. Es ist wohl eher selten, dass hier jemand fotografiert. Und worauf der seine Kamera richtet - seltsam. Hier gibt es doch nichts zu fotografieren scheinen die Blicke zu sagen. Ausdauernd beschäftige ich mich mit scheinbar nichtigem und abseitigem. Meiner Absicht gebe ich dadurch Gewicht.

Da fotografiert eben einer Blödsinn. Manche recken die Köpfe, manche beobachten beiläufig und wieder andere kommen näher und dann ins Gespräch mit mir. "Ahhh, Ohhh, Ach so"  meist fühlen sich die Menschen geschmeichelt, dass ihrem Ort Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 


 

Projektbeschreibung:


Die Mitglieder der Fotografengruppe punctum trafen sich jeden Monat zu einer verabredeten Zeit am Bremer Hauptbahnhof und fuhren mit der nächsten eintreffenden Straßenbahn bis zu deren Endstation - zum „Fahrtende“, wie es bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) heißt.


Vor Ort begann die fotografische Entdeckungstour ins oftmals Unbekannte:

Welche Gegebenheiten würden sich uns an den Wendeschleifen der Bahnlinien offenbaren, jenseits der Umsteigemöglichkeiten in anschließende Buslinien? Sind wir schon an Stadtgrenzen angelangt? Finden wir Brachen vor oder ist der Ort besiedelt – vielleicht ein quirliger Stadtteil, ein Industriegebiet oder ein Neubaugebiet?

Wir finden Menschen, die hier leben. Ihre Art Vorgärten zu gestalten, die Läden, die sie zum einkaufen nutzen – vom Kiosk bis zum Einkaufszentrum. Wir entdecken Grenzen zwischen Wohnbebauung und Gewerbeansiedlung, zwischen stadtplanerischen Ruhezonen und einbrechenden Schnellstraßen. Wir kommen in Kontakt mit den Menschen, machen Portraits an ihrem Arbeitsplatz oder dem Wohnumfeld. Kinder und Jugendliche fragen nach unserer Absicht.

Details finden unsere Aufmerksamkeit: eine Stromleitung, eine Hausfassade, ein Gewächs, Spiegelungen in Fenstern, leerstehende Läden, Straßenszenen, etc.


Nachdem wir einige Orte erkundet haben, ergeben sich Fragen nach Gemeinsamkeiten der Orte. Gibt es fotografische Serien, wiederkehrende Elemente? Und wir suchen nach dem Besonderen. Was macht diesen einen Ort aus, was unterscheidet sich hier vom anderen, was ist typisch? Wir treffen uns zwischen den Exkursionen um die Fotos auszuwerten und stellen uns der kritischen Betrachtung. Jeder von uns entwickelt dadurch sein eigenes fotografisches Konzept, das dennoch in einer gemeinsamen Publikation geeint präsentiert wird.


Nach fast einem Jahr haben wir alle 11 Endstationen - Universität, Sebaldsbrück, Huchting, Horn-Lehe, Arsten, Gröpelingen, Osterholz, Flughafen, Hastedt, Borgfeld, Kuhlenkampfallee - der Bremer Straßenbahnen besucht und präsentieren unsere Arbeiten der Öffentlichkeit.


Bremen im Herbst 2008